Wenn Fürsorge wichtiger wird als Loslassen

Veröffentlicht am 8. Juli 2026 um 15:15

In den vergangenen Tagen durfte ich viele meiner Schmetterlinge in die Freiheit entlassen. Es waren ganz besondere Momente, die mein Herz tief berührt haben. Doch zwei Schmetterlinge blieben noch in meiner Netzvoliere. Beide hatten einen beschädigten Flügel und konnten deshalb nicht richtig fliegen.

Den Ersten wollte ich zunächst ebenfalls freilassen, doch schon nach kurzer Zeit bemerkte ich, dass er kaum fliegen konnte. Also nahm ich ihn wieder behutsam auf und versorgte ihn weiterhin in seiner geschützten Voliere.

Kurze Zeit später schlüpfte auch der zweite Schmetterling. Auch er hatte einen vollständig entwickelten Flügel und einen, der beschädigt war. Wieder stand ich vor derselben Frage:

Freiheit oder Fürsorge?

Gestern ist der erste Schmetterling nach zehn Tagen als Falter friedlich gestorben. Ich habe ihn in meinem Feen-Hochbeet begraben und mich in Dankbarkeit von ihm verabschiedet.

Dem Zweiten wollte ich gegen Mittag die Freiheit schenken. Vorsichtig setzte ich ihn in mein Feen-Beet und legte ihm ein Stück Melone dazu. Als ich wenige Minuten später zurückkam, war er verschwunden. Für einen kurzen Augenblick dachte ich voller Freude, dass er es vielleicht doch geschafft hatte.

Am frühen Abend, als ich meine Blumen goss, entdeckte ich ihn wieder. Er saß zwischen meinem magischen Tor und dem Feenbeet auf der Erde. Er war nicht weit gekommen. In diesem Moment wusste ich, was zu tun war.

Ich nahm ihn vorsichtig auf und setzte ihn wieder in seine Netzvoliere. Dort warten nun Blüten, Obst und ein geschützter Platz auf ihn. Alles, was ich ihm für seine verbleibende Zeit schenken kann.

Vielleicht hätte er draußen noch einige Stunden oder Tage gelebt. Vielleicht wäre er aber auch schnell zur Beute eines Vogels oder einer Spinne geworden, weil er nicht fliegen konnte. Das werde ich nie erfahren. Ich weiß nur, dass es sich für mein Herz richtig anfühlt, ihm Schutz zu schenken.

Während ich ihn beobachtete, wurde mir bewusst, dass uns die Natur oft leise an Dinge erinnert, die weit über den Augenblick hinausgehen.

Auch wir Menschen tragen manchmal Verletzungen in uns. Nicht alle sind sichtbar. Manche betreffen unser Herz, unsere Seele oder unseren Mut. Von außen scheint oft alles in Ordnung zu sein, doch innerlich fühlen wir uns noch nicht bereit, unsere Flügel auszubreiten.

Gerade dann brauchen wir nicht unbedingt jemanden, der uns antreibt. Manchmal brauchen wir einfach einen Ort, an dem wir sein dürfen. Einen Menschen, der uns versteht, Zeit, Vertrauen und  Geborgenheit.

Für mich zeigt sich genau darin Spiritualität.

Nicht fernab vom Alltag, sondern mitten im Leben. In einer Begegnung, in einem Schmetterling, in einer Blume oder in einem stillen Moment, der unser Herz berührt und uns etwas erkennen lässt.

Ich glaube, dass das Leben, Gott, die Engel oder das Universum, ganz gleich, woran jeder Einzelne glaubt, uns immer wieder liebevolle Impulse schickt. Nicht durch große Wunder, sondern durch die kleinen Begegnungen des Alltags, die unser Herz berühren und uns zum Nachdenken einladen.

Vielleicht liegt gerade darin ihre größte Kraft.

Dieser kleine Schmetterling erinnert mich daran, dass Fürsorge manchmal wichtiger ist als Loslassen. Dass Liebe nicht immer bedeutet, jemanden in die Freiheit zu schicken, sondern manchmal darin besteht, einen geschützten Raum zu schenken, bis die Zeit gekommen ist.

Und vielleicht dürfen auch wir Menschen uns hin und wieder erlauben, diesen geschützten Raum anzunehmen, bis unsere Seele bereit ist, ihre Flügel wieder auszubreiten.

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