Am 31. Oktober haben wir gemeinsam Samhain gefeiert. Ein Fest, das für mich eine ganz besondere Bedeutung hat.
Für mich ist es eine Zeit, in der ich bewusst ruhig werde und an diejenigen denke, die vor uns gelebt haben. An Menschen, die uns begleitet und geliebt haben, die ihre Spuren in unserem Leben hinterlassen haben und deren Erinnerungen wir in unseren Herzen weitertragen.
Gerade unser Zuhause ist für mich ein Ort voller solcher Erinnerungen. Hier haben bereits Menschen gelebt, die heute nicht mehr unter uns sind. Ihre Geschichten gehören zu diesem Haus, zu unserer Familie und zu unserem Leben.
Der 31. Oktober wird von Menschen nicht nur als Samhain gefeiert, viele feiern auch Halloween an diesem Tag. Besonders die Kinder haben ihren Spaß daran, sie verkleiden sich als kleine Hexen, Geister oder andere gruselige Gestalten und ziehen von Haus zu Haus, um Süßigkeiten zu sammeln.
Auch wenn ich persönlich Samhain feiere und das heutige, stark verbreitete amerikanische Fest Halloween nicht unbedingt meinen eigenen Traditionen entspricht, möchte ich anderen Menschen ihre Freude daran nicht nehmen.
Warum sollte ich das auch tun?
Jeder Mensch darf seine eigenen Überzeugungen, Traditionen und Vorstellungen davon haben, wie er bestimmte Tage verbringen möchte. Was für den einen eine besondere spirituelle Bedeutung besitzt, ist für den anderen ein fröhliches Fest mit Verkleidungen und Süßigkeiten. Ich respektiere beides, was richtig und wichtig für ein gutes Miteinander ist. Es gehört für mich dazu, diese Unterschiede anzuerkennen. Schließlich wünschen wir uns doch alle, dass unsere eigenen Überzeugungen und Lebensweisen respektiert werden. Warum sollten wir diesen Respekt dann nicht auch anderen entgegenbringen?
Zwei unterschiedliche Feste und eine gemeinsame Idee
Da wir Samhain in Ruhe und gemeinsam mit unserer Familie feiern wollten, überlegte ich, wie wir den Halloween Kindern trotzdem eine Freude bereiten könnten. Schließlich sollten sie nicht enttäuscht weiterziehen müssen, nur weil wir an diesem Abend nicht ständig die Haustür öffnen wollten.
Es entstand schließlich die Idee, vor unserem Haus eine große Schüssel mit Süßigkeiten gefüllt und ein Körbchen mit kleinen Überraschungen bereitzustellen. Dazu legten wir einen selbst geschriebenen Zettel. Darauf begrüßten wir die kleinen Hexen, Geister und Monster und luden sie ein, sich eine Kleinigkeit zu nehmen.
Doch wir wollten ihnen auch einen Gedanken mitgeben. Sie sollten daran denken, dass nach ihnen noch andere Kinder kommen würden, die sich ebenfalls über eine Überraschung freuen möchten. Deshalb baten wir darum, nicht alles auf einmal mitzunehmen, sondern auch für die anderen etwas übrig zu lassen. Es war eine kleine Bitte, hinter der für uns ein wichtiger Gedanke stand:
Rücksichtnahme, Teilen und gegenseitige Achtung.
Freude wird nicht weniger, wenn wir sie miteinander teilen.
Wir schnitzten außerdem noch gemeinsam einen Kürbis, dessen fröhliches Gesicht später unseren Eingangsbereich erleuchtete. Daneben stellten wir ein kleines Körbchen mit einem Apfel, einer weißen Feder, Zweigen und einem Licht. Diese Gegenstände haben für mich eine persönliche, spirituelle und symbolische Bedeutung und gehörten zum Samhain Fest.
Ein besonderer Platz für unsere Ahnen
Während vor unserer Haustür alles für die Halloween Kinder vorbereitet war, widmeten wir uns im Haus unserem Samhain Fest.
Gemeinsam deckten wir im Wohnzimmer einen Tisch für unsere Ahnen. Wir stellten Fotos unserer verstorbenen Familienmitglieder auf und schmückten den Tisch mit Erinnerungsstücken. Vor den Bildern fanden kleine Teller ihren Platz. Darauf legten wir Speisen und Getränke, die wir mit den jeweiligen Menschen in Verbindung bringen und die sie zu Lebzeiten besonders gerne mochten.
Es ging uns dabei nicht um ein gewöhnliches Abendessen, sondern darum, die Erinnerungen an unsere Liebsten auf eine ganz persönliche Weise lebendig werden zu lassen. Jedes Foto erzählt seine eigene Geschichte, jeder Gegenstand und jede kleine Gabe erinnert an einen Menschen, der einmal Teil unseres Alltags gewesen war.
Doch nicht nur diejenigen, von denen wir Fotos besitzen, sollten an diesem Abend einen Platz bekommen. Einen zusätzlichen Teller widmeten wir all jenen Ahnen, die wir nicht persönlich kennen lernen durften oder von denen uns heute kein Bild mehr geblieben ist. Denn auch sie gehören zu unserer Familiengeschichte. Sie haben vor uns gelebt, geliebt, gehofft und ihre eigenen Wege beschritten. Ohne sie wäre unsere Familiengeschichte nicht dieselbe.
Unsere verstorbenen Tiere gehörten natürlich für uns ganz selbstverständlich zu diesem besonderen Abend. Schließlich waren sie Teil unserer Familie, haben uns begleitet, uns Freude geschenkt und ihre eigenen Spuren in unseren Herzen hinterlassen.
Auch ihre Bilder und kleine Futterschälchen durften ihren Platz bekommen, sowie eine fünfte Schüssel, die wir all unseren verstorbenen Tieren widmeten , von denen heute kein Bild an unserer Ahnenwand hängt. Denn auch sie sollten an diesem Abend nicht vergessen werden.
Für uns war es selbstverständlich, sowohl den Menschen als auch den Tieren einen Platz zu schenken, die einmal zu unserem Leben gehört haben.
Nicht jeder hinterlässt ein Foto, nicht jeden unserer Vorfahren durften wir kennen lernen, doch jeder von ihnen hat einmal einen Platz in dieser Welt eingenommen und genau daran wollten wir uns erinnern.
Anschließend bereiteten wir auch für uns etwas zu essen vor und setzten uns dazu. So verbrachten wir einen Teil des Abends in liebevollen Gedenken an diejenigen, die heute nicht mehr körperlich an unserer Seite sind.
Ein stiller Moment in unserem Engelszimmer
Später zogen mein Partner und ich uns in unser Engelszimmer zurück. Dort beschäftigten wir uns mit unseren Karten und arbeiteten mit dem Hexenbrett. Während dieses Rituals nahmen wir verschiedene Zeichen wahr, deren persönliche und spirituelle Bedeutung ich für mich noch in Ruhe betrachten möchte. Wir verbrachten noch einige Zeit in unserem geschützten Raum, bevor wir schlafen gingen.Für mich war es ein besonderer Abend, an dem Erinnerungen, Familie und meine persönliche Spiritualität ihren Platz fanden.
Doch während wir unser Samhain Fest feierten, spielte sich vor unserer Haustür noch eine andere Geschichte ab. Eine Geschichte, die mich und meine Tochter im Nachhinein sehr nachdenklich und traurig machte.
Wenn eine kleine Geste zum Nachdenken anregt
Viele Kinder kamen vorbei und freuten sich über Süßigkeiten und kleine Überraschungen. Unsere vorbereiteten Gaben wurden so gut angenommen, dass wir sogar nachfüllen mussten. Alles verlief wunderbar. Es war schön zu wissen, dass wir den Kindern Freude bereiten konnten, obwohl wir selbst ein ganz anderes Fest feierten.
Gegen 20:30 Uhr wollten wir noch einmal nachsehen, ob wir erneut etwas nachlegen mussten. Doch als wir die Haustür öffneten, stellten wir fest, dass die gesamte Schüssel mit den Süßigkeiten verschwunden war. Nicht nur der Inhalt, sondern auch die Schüssel selbst.
Meine Tochter und ich sprachen anschließend darüber, dabei ging es uns nicht um den materiellen Verlust. Natürlich gehört es sich nicht, fremde Gegenstände einfach mitzunehmen. Doch viel mehr beschäftigte uns die Frage, warum Menschen so wenig Rücksicht aufeinander nehmen.
Wir wissen nicht, wer die Schüssel mitgenommen hat oder welche Absicht dahinter steckte. Vielleicht war es Gedankenlosigkeit, vielleicht wollte jemand bewusst provozieren oder dergleichen. Darüber können wir nur Vermutungen anstellen. Was jedoch bleibt, ist die Tatsache, dass dadurch andere Kinder keine Gelegenheit mehr hatten, sich über die bereitgestellten Süßigkeiten zu freuen und genau das machte uns traurig.
Wir hatten die Süßigkeiten nicht vor die Tür gestellt, um dafür bewundert zu werden oder uns selbst in den Mittelpunkt zu stellen, wir wollten einfach etwas weitergeben. Ein kleines Stück Freude, verbunden mit dem Gedanken, dass wir Menschen aufeinander achten sollten und dass jeder das Fest an diesem Tage feiern soll, was er für sich selbst für gut empfindet.
Wie oft denken wir im Alltag eigentlich darüber nach, welche Auswirkungen unser Verhalten auf andere hat?
Muss immer der eigene Vorteil im Vordergrund stehen? Können wir nicht auch einmal daran denken, dass noch andere Menschen kommen, die dieselbe Freude erleben möchten?
Es sind doch gerade die kleinen Dinge, an denen sich unser Umgang miteinander zeigt. Ob wir etwas miteinander teilen, fremdes Eigentum respektieren oder die Überzeugungen anderer Menschen achten.
Meine Tochter und ich waren traurig über das Geschehene. Nicht, weil wir eine Schüssel verloren haben, sondern weil wir uns wünschen, dass Menschen respektvoller miteinander umgehen. Jedoch stand etwas anderes für uns von Anfang an im Vordergrund.
Die vielen Kinder, die zuvor gekommen waren und sich gefreut hatten.
Diese Freude war schließlich nicht verschwunden. Sie war geschehen, sie war echt und sie blieb ein schöner Teil dieses Abends.
Warum wir trotzdem weitermachen
Noch am selben Abend haben meine Tochter und ich darüber gesprochen, dass wir uns durch dieses Erlebnis nicht davon abbringen lassen möchten, anderen Menschen weiterhin eine Freude zu bereiten.
Bereits am 6. Dezember, zum Nikolaustag, möchten wir wieder etwas für die Kinder vorbereiten. Nicht, um irgendjemandem etwas zu beweisen, auch nicht, um eine Reaktion auf das Geschehene hervorzurufen. Vielmehr weil es gut tut, anderen Menschen eine Freude zu bereiten.
Wir können nicht beeinflussen, wie jeder Einzelne mit unseren Gesten umgeht, aber wir können selbst entscheiden, wie wir anderen begegnen möchten. Und wir möchten weiterhin mit Freundlichkeit, Achtung und Mitgefühl durchs Leben gehen. Eine traurige Erfahrung muss schließlich nicht bedeuten, dass wir unsere eigenen Werte aufgeben.
Was Samhain, Halloween und das Miteinander verbindet
Wenn ich heute auf unser Samhain Fest zurückblicke, sehe ich einen Abend voller Erinnerungen, familiärer Verbundenheit und liebevoller Gesten. Ich sehe unseren gedeckten Ahnentisch, die Bilder unserer Liebsten, ihre Lieblingsspeisen, die kleinen Erinnerungsstücke und die Plätze unserer verstorbenen Tiere. Ich denke auch an diejenigen, die wir nicht persönlich kannten und denen wir trotzdem einen Platz an unserem Tisch geschenkt haben.
Ich sehe den leuchtenden Kürbis vor unserer Haustür und erinnere mich an die vielen Kinder, die sich über unsere Überraschungen gefreut haben. Aber ich denke auch an das Gespräch mit meiner Tochter, das uns noch einmal bewusst gemacht hat, wie wichtig uns das Miteinander ist. Dabei fällt mir auf, dass beide Teile unseres Abends eigentlich von demselben Gedanken getragen wurden.
Am Ahnentisch wollten wir niemanden vergessen. Wir haben auch an diejenigen gedacht, deren Gesichter wir nicht kennen oder von denen keine Bilder mehr vorhanden sind. Vor unserer Haustür wollten wir ebenfalls niemanden ausschließen. Wir baten die Kinder, auch an diejenigen zu denken, die nach ihnen kommen würden. In beiden Fällen ging es darum, nicht nur an sich selbst zu denken, sondern auch anderen einen Platz einzuräumen.
Samhain und Halloween mögen unterschiedlich gefeiert werden, doch an diesem Abend konnten beide Feste nebeneinander ihren Platz finden.
Ich wünsche mir jedenfalls, dass wir auch im Alltag häufiger genau das tun:
Einander Raum geben, Unterschiede respektieren und trotzdem füreinander da sein.
Denn ein respektvolles Miteinander bedeutet nicht, dass wir alle gleich denken, glauben oder leben müssen. Es bedeutet, dass wir uns gegenseitig mit Achtung begegnen. Die Rücksichtslosigkeit eines Einzelnen sollte uns nicht davon abhalten, vielen anderen Menschen weiterhin mit Freundlichkeit zu begegnen. Grund genug, beim nächsten Mal wieder etwas für die Kinder vorzubereiten.
Nicht alles, was wir anderen schenken, lässt sich in Geld oder Gegenständen messen, es bleibt vielmehr als ein schöner Augenblick in Erinnerung. Ein liebevolles Miteinander beginnt oft schon damit, dass wir einem anderen Menschen etwas übrig lassen.